Wir alle sind arme Schweine
Gregor Lawatsch brillierte mit “Friß mich, bitte friß mich!” im Komm. Die Zuschauer erlebten eine kafkaeske Verwandlung zum Schwein.
Der Kabarettist Gregor Lawatsch lässt im Komm die Sau raus. Komödiantisches Talent und beißender Spott. Alltags-Episoden regen zum Nachdenken an.
Das Komm rief am Montagabend zum Gregor Lawatsch Doppelpack aus. Als erstes Stück der Reihe erlebten die Besucher die preisgekrönte Ökosatire “Friß mich, bitte friß mich!“. Mit diesem Stück erhielt Lawatsch 1993 den Förderpreis des Deutschen Kabaretts und es hat nichts an Aktualität eingebüßt. Es fing alles harmlos an. „What a wonderfull world“ von Louis Armstrong erklang leise aus den Boxen. Plötzlich kam ein Mann auf die Bühne im typischen Krankenhaushemd, Pantoffeln und abgefetzten Strümpfen. „Aus mir wird ein Schwein,“ die erlösende Botschaft. Das haben die Genforscher in der Tierversuchsanstalt festgestellt.
Harry Markus, ehemaliger Klappentexter, Familienvater und Gatte erzählt seine kafkaeske Verwandlung zum Schwein mit über 50. Zaghaft, mit sich langsam zu Klauen formenden Händen, anfallsweise wild grunzend und schnuffelnd kommentiert er seine genetische Verwandlung in ein minderes Schwein der gemeinen deutschen Landrasse. Es ist gerade noch dazu geeignet, innerhalb der Familie verzehrt zu werden. Jedoch sein Flehen „Friss mich, bitte friss mich“ stößt bei der Gattin Anja auf vegetarisch ertaube Ohren.
Sein Verwandlungsprozess bringt für seine Umwelt einiges kurioses mit sich. Fressplünderungen im eigenen Kühlschrank, Mülltonnen und in der Kantine, Reviermarkierungen mit Kothaufen am Arbeitsplatz und deren Auffälligkeiten mehr, füht uns Gregor Lawatsch die kafkaeske Verwandlung eines Durchschnittsbürgers mit schauspielerischer Glanzleistungen vor. Er verschweinert einfühlsam und einleuchtend. Therapeuten und Ärzte sind ratlos. Gentechniker sind begeistert. Harry ist der Menschheit, die zwar nicht die Verhältnisse ändern, aber die Opfer anpassen kann, einen Schritt vorausgegangen. Immer wieder fügt er genial einfache Episoden ein, die zum Überlegen anregen.
Man ahnt es. Lawatschs Mutation ist Zivilisationskritik. Es geht um Massentierhaltung, Gentechnik, Ethik. Auch um den Nord-Süd-Konflikt, man solle Ihnen alles zurückgeben, was geklaut wurde. Oder der demokratischste Akt der Welt, der Schiß, kein Diktator kann ihn verbieten. Das Wattenmeer stirbt, die Ostsee kippt und man sollte einmal wenigstens durch eine Erdölkatastrophe schwimmen. Die Generationen von morgen können uns nicht vergessen. Ein bißchen viel, wenn es pur daherkommen würde. Doch davor setzt Lawatsch sein komödiantisches Talent, seinen beißenden Spott. Vor allem aber die ausgiebige Beschäftigung mit der Sexualität. Da kann er zum brüllenden Vergnügen des Publikums gar nicht aufhören, Masturbationen, Kopulationen, Samenspenden und künstliche Befruchtungen bei Mensch und Tier verbal und pantomimisch vorzuführen. Da macht er selbst vor “Adam, dem alten Wichser” nicht halt.
So zwischen Derbheit und philosophischem Tiefsinn wechselnd, erschließt uns Lawatsch sein bitterböses Bild von der Welt. Und wenn er am Ende die “Artenschranke” überwindet, dämmert es auch uns: Wir alle sind arme Schweine.
Wir Deutsche haben den ersten Mutanten. Gregor Lawatsch brillierte mit absoluten Können im Komm.
Sein nächstes Bravourstück ist sein Solo-Stück „Ein Deutsches Herz – Die Texte des Kommandanten von Ausschwitz nächsten Montag ab 20 Uhr im Komm. Eintritt 12,- / 10,- €. -niko
Gregor Lawatsch brillierte mit “Friß mich, bitte friß mich!“ am Montagabend im Komm. Eine kafkaeske Verwandlung zum Schwein.





























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